Stell dir vor, du hältst eine schöne, warme Tasse Tee in den Händen. Ein angenehmer Duft steigt in die Nase, du beobachtest den sanft aufziehenden Dampf. Du atmest tief durch und schließt die Augen. In Momenten wie diesen genießt du bewusst die Ruhe, du bist ganz bei dir.
Tee ist schon seit Jahrtausenden ein wichtiges Element für die Reise zur Achtsamkeit und inneren Gelassenheit in der buddhistischen Kultur. In der reichen Tradition von buddhistisch geprägten Ländern wie Japan, China, Thailand, Myanmar, Vietnam, Nepal und Tibet nimmt Tee einen zentralen Platz ein. In diesem Artikel erfährst du, wofür der Buddhismus steht und inwiefern Tee eine feste Rolle in dieser Weltreligion spielt.
Die Symbolik des Tees in der buddhistischen Philosophie
Der Buddhismus ist eine der ältesten spirituellen Lehren der Welt und gehört zu den fünf Weltreligionen. Die Grundlagen des Buddhismus bilden die Lehren des Siddhartha Gautama, der etwa im 5. Jahrhundert v. Chr. in Lumbini geboren wurde, das im heutigen Nepal liegt. Er verbachte sein Leben mit der Suche nach Erleuchtung. Als er sie fand, brachte ihm dies den Namen Buddha ein („Der Erleuchtete“). Es gibt im Buddhismus keinen Gott, der angebetet wird. Buddha wird von Gläubigen als Weiser und Erleuchteter, nicht als Gott verehrt.
Buddhist:innen zielen darauf ab, ein Leben nach den Prinzipien der Dankbarkeit, Präsenz, Verbindung und Balance zu führen und die Welt so verstehen zu lernen, wie sie wirklich ist – sie möchten Erleuchtung finden. Hierfür meditieren sie, wobei Elemente wie Klangschalen und das Trinken von Tee unterstützend wirken können. In vielen buddhistischen Riten symbolisiert Tee den Fluss der Natur und schafft eine Verbindung zu dieser.

Die Wurzeln des Tees: China und die Anfänge der buddhistischen Tradition
Der Weg des Tees beginnt in China. Schon lange vor der Verbreitung des Buddhismus wurde Tee im Daoismus, Chinas ältester ureigenster Glaubenslehre, geschätzt. Im Zentrum dieser philosophisch-religiösen Strömung lag die Harmonie zwischen Mensch und Universum und die Idee, ein gutes Leben durch Gelassenheit und Achtsamkeit zu leben. Etwa ein paar Jahrhunderte nach der Zeitenwende wurden erstmals buddhistische Schriften ins Chinesische übersetzt, eine endgültige Verbreitung geschah aber erst ab dem 7. Jahrhundert n. Chr.
Das Grundelement der daoistischen und auch der buddhistischen Praxis ist die Meditation. Sich konzentrieren, die Stille jenseits der Gedanken finden, mit der Umwelt eins sein statt ein von der Natur getrenntes Wesen – das ist eines der grundlegenden Ziele. Gläubige beziehen das bewusste Zubereiten und Genießen von Tee in ihre Meditation ein, um die Konzentration zu halten. Die Ausbreitung des Buddhismus in China und Tee sind also eng miteinander verflochten. Die Bedeutung des Teeanbaus in vielen buddhistischen Klöstern Asiens ähnelt in gewisser Weise dem Weinbau in katholischen Klöstern Europas.
Teezeremonie im Zen-Buddhismus: Die japanische Seele
Der Zen-Buddhismus ist eine Richtung innerhalb des Mahayana-Buddhismus mit Fokus auf Meditation und unmittelbares Erleben. Diese in China entstandene Schulrichtung des Buddhismus, dort bekannt als Chan-Buddhismus, betont die Praxis und legt weniger Wert auf ein intellektuelles Verständnis buddhistischer Lehren und Schriften.
Daher erreicht die Kunst des Teetrinkens hier ihren Höhepunkt. Bei der Teezeremonie Chado (auf deutsch „Weg des Tees“ o. „heißes Wasser für Tee“), die eine Form der Meditation ist, wird jede Bewegung mit Bedacht ausgeführt. Durch achtsames Zubereiten und Trinken des Tees entsteht eine tiefe Verbindung zwischen innerem Selbst und der Natur, die einen umgibt. Hektische Gedanken sollen außer Acht gelassen werden und allein die Zubereitung und der Genuss des Tees im Fokus stehen. Die zentralen Werte des Zen-Buddhismus – Einfachheit, Ruhe, Klarheit und Präsenz – werden in dieser Zeremonie widergespiegelt. In Japan wird Chado typischerweise mit Matcha begangen. Überlieferungen zufolge haben Zen-Mönche bereits im 9. Jahrhundert den pulverisierten Grüntee in China zubereitet, Ende des 12. Jahrhunderts sei es ein buddhistischer Mönch gewesen, der Matcha nach Japan brachte.
Japanische Teezeremonien können in ihrer Struktur leicht variieren, grundsätzlich steht aber immer das bewusste Genießen von Matcha im Vordergrund, wobei die gastgebende Person zuvor ein paar Kleinigkeiten zu essen reicht.

Die tibetische Teezeremonie: Tradition und Gemeinschaft
Tee fand seinen Weg während der chinesischen Tang-Dynastie (617-907) nach Tibet. Es war üblich, Pferde gegen Tee zu tauschen, weshalb die Handelsroute zwischen den chinesischen Provinzen Yunnan und Sichuan und Tibet und Indien heute noch als Tee-Pferde-Straße bekannt ist.
Bei der Verbreitung von Tee spielte die buddhistische Praxis eine große Rolle, weil auch die Mönche in Tibet, um wach zu bleiben, während ihrer Meditation Tee tranken. Die tibetische Teekultur ist außergewöhnlich, denn die Zubereitung von Tee erfolgt mit Yak-Butter und Salz. Der sogenannte Buttertee (Po cha) ist ein nahrhaftes, wärmendes Getränk, das bei den extremen Wetterbedingungen des Himalayas Energie spendet. Zusammen Buttertee zu trinken, gilt als Symbol für Gastfreundschaft und Gemeinschaft. Oft wird Tee bei Zusammenkünften gereicht, um Verbindungen zu stärken und achtsame Momente im Alltag zu schaffen. Für viele Familien dient Buttertee als Hauptnahrungsmittel. Auch im benachbarten Nepal gehört der salzige Buttertee zum alltäglichen Leben dazu.
In buddhistischen Klöstern wird Buttertee mindestens dreimal am Tag getrunken: morgens, mittags und abends. Tee ist für sie ein bedeutendes zeremonielles Element. Sie sitzen in Reihen und singen beim Ausschenken religiöse Hymnen, wobei entweder die jungen Mönche oder die Stifter das Verteilen des Tees übernehmen.
So wird Tee in der buddhistischen Philosophie genossen
Während der Tang-Dynastie (618-907) hat sich der Buddhismus fest in der chinesischen Kultur etabliert. Besonders viele Anhänger:innen fand der Zen-Buddhismus, zu dessen Praxis der zeremonielle Genuss von Tee gehört. In der buddhistischen Lehre geht es hierbei nicht nur um eine Wohltat für den Körper, sondern auch um eine Erfrischung des Geistes.
Damals gab es vielfältige Anlässe, zu denen Teezeremonien abgehalten wurden. Als Zeichen von Respekt und Gastfreundschaft spielten sie zum Beispiel eine große Rolle bei der An- oder Abreise von Gästen, die ein Kloster besuchten. Aber auch etwaige andere Versammlungen beinhalteten Teerituale.

Achtsamkeit und das Trinken von Tee: Ein Weg zur inneren Ruhe
Vielleicht kannst du dir schon durch eigene Erfahrungen oder Assoziationen vorstellen, wie bereichernd der Genuss von Tee für den Buddhismus sein kann. Viele Menschen verbinden Tee mit Momenten der Ruhe, für sich sein, mal durchatmen. Indem du dir solche Augenblicke bewusst nimmst, kannst du dich in Achtsamkeit üben und deine Wertschätzung für einfache Dinge im Leben erhöhen. Das bewusste Trinken von Tee kann zu einer meditativen Praxis werden. Im Buddhismus wird angenommen, dass Tee den Geist klärt und Raum für Dankbarkeit für Einfachheit schafft.
Meditation und Teepausen: Tee als Symbol für Gleichgewicht und Harmonie
Eine der Grundideen der buddhistischen Teezeremonie ist, die Balance zwischen Körper und Geist zu erleben. Der Tee wird zu einem Medium, das die Harmonie zwischen Mensch und Natur zum Ausdruck bringt. Die Teepflanze, die als Teil des Weltlichen in unserer Umgebung wächst und dann durch sorgfältige Verarbeitung und Zubereitung ein Teil der meditativen Praxis und vom eigenen Körper verzehrt wird, verbindet so die spirituelle Komponente mit dem physischen Existieren innerhalb der Welt. Indem der Tee gewissenhaft und gelassen konsumiert wird, wird die Teezeremonie zu einer Reflexion der Philosophie des Mittelweges, nach der Extreme vermieden werden. Buddha kam zu diesem Konzept, nachdem er feststellte, dass weder ein Leben in luxuriösem Überfluss noch eines in starker Askese zur Erleuchtung führen können. Den mittleren Pfad zu wählen und in Einklang mit Prinzipien der Ethik, Meditation und Weisheit zu sein, ist also das ultimative Ziel.
Legenden über Tee im Buddhismus
Es gibt einige Legenden, die den besonderen Stellenwert von Tee in der buddhistischen Kultur belegen. Einer Erzählung nach sei Bodhidharma, der Begründer des Zen-Buddhismus, von Indien nach China gereist, um sich dort für neun Jahre in eine tiefe Meditation zu begeben. Für einen Moment sei ihm die Konzentration abhandengekommen und die Müdigkeit stärker gewesen – ihm fielen die Augen zu. Um dies in Zukunft zu verhindern und nie wieder Gefahr zu laufen, von der Meditation abgelenkt zu werden, riss der Heilige sich die Augenlider ab. Wo sie den Boden berührten, wuchsen Teepflanzen. Von nun an spendeten diese Bodhidharma Energie für seine Meditation.